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Der Kessel am Fusse des Dachsteinmassivs ist eine aktive Riesenkarstquelle und Teil des grossen Hirlatz-Hoehlensystems. Die Quelle gehoert zu den sog. Karsterscheinungen. Verkarstungsfaehiges Gestein (u.a. Gips, Kalk und Dolomit) ist wasserloeslich. Kluefte und Fugen im Gestein ermoeglichen das Eindringen von Wasser. Kluftspalten sind i.d.R. hoch und schmal, Schichtfugen eher flach und breit. Beim Zusammentreffen von Kluefte und Fugen vergroessert sich die Hoehle an dieser Stelle. Das versickernde Wasser nimmt CO2 auf, damit erst wird der Kalk loeslich, er korrodiert. Der Verkarstungsvorgang hier im Dachsteinmassiv beinhaltet somit auch eine (zumindest) teilweise unterirdische Entwaesserung. Mit zunehmender Verkarstung ueber grosse Zeitraeume erweitern sich die Kluefte zu Schachthoehlen, das Wasser tritt als Quelle wieder aus, so auch im Kessel. Die meiste Zeit des Jahres ruht der Quellteich, lediglich nach starken Regenfaellen und waehrend der Schneeschmelze "kocht der Kessel ueber" und riesige Wassermassen ergiessen sich aus dem Quellmund bis in den Hallstaetter See. Bei extremer Schuettung drueckt das Wasser sogar aus dem "Alten Kessel", einem vertikalen Schacht, der im zweiten Siphon mündet. Der Höhenunterschied zum vorderen Wasseraustritt beträgt immerhin ca. 35m. Wir konnten ein vergleichbares Naturschauspiel letztes Jahr bei der benachbarten Hirschbrunnquelle beobachten. Die Kesselhoehle wird aber auch durch Versturz (Einsturz des Hoehlenraums) und Erosion (Gesteinsabtragung) veraendert. Stille Wasser sind bekanntlich tief, so auch der Kessel. Der Eingangssiphon der Hoehle am Hallstaetter See ist dem einen oder anderen "Gelegenheits"-Hoehlentaucher bekannt. Nach einer 4-minuetigen Tauchstrecke in einer Maximaltiefe von 6m ist die Auftauchstelle erreicht. Ein schmaler Gang führt von hier weiter in den Berg hinein. Zu eng erscheint diese Kluftspalte, um hier mit Hoehlentauchausruestung weiter vorzudringen. Lediglich ein straff gespanntes Drahtseil, gesichert mit Bohrhaken, ist ein Indiz für das "Unmögliche". Den vorderen Hoehlenbereich haben wir in den letzten Jahren schon oft betaucht. Auch in den hinteren Vertikalschacht haben wir uns schon mal mit umstaendlicher Materiallogistik und Nassanzügen gequält. Wir ereichten eine maximale Tauchtiefe von -38m in der sog. "Gerhard -Zauner"-Halle. Ausgekuehlt kehrten wir damals zur Auftauchstelle zurueck und errreichten nach 3,5 h wieder das Tageslicht (3 h gingen allein für den Ausruestungtransport in der 15m langen Kluftspafte drauf). Sehr zum Verdruss unserer Begleitmannschaft und der mittlerweile anwesenden Gendarmerie... An einem kalten, verschneiten, Novembersonntag wollen Happo und ich den Pionieren folgen und dem Kessel sprichwoertlich auf den Grund gehen. Während der Vorbereitungen macht eine 1.te Atemreglerstufe durch ein Zischen auf sich aufmerksam. Der Automat wird einer Vor-Ort-Reparatur unterzogen und schon bald klettern wir das Höhlenportal zur Wasseroberfläche hinunter. Ein letzter Ausruestungscheck und das Tageslicht verschwindet hinter der Biegung der Kesselquelle. Der Eingangssiphon ist schnell durchquert und wir tauchen auf. Noch an der Wasseroberflaeche befreien wir uns von den Doppeltauchgeraeten und sichern diese an einem Seil. Danach klettern wir in die knapp 15m lange Spalte und packen die wasserdicht verpackten LED-Stirnlampen aus, um die UW-Scheinwerfer für die folgenden Tauchgaenge zu schonen. Diesmal sind wir besser auf den Ausruestungstransport durch die Spalte vorbereitet. Alle nicht benötigten Gegenstaende verschwinden in einem Höhlenschleifsack. Die Tauchgeraete haengen wir mithilfe von Karabinerkombinationen (sog. Expressschlingen) in die "Materialseilbahn" ein, um sie auf die andere Gangseite zu ziehen. Viermal durchqueren wir, mittlerweile schwitzend, die Spalte in den Trockentauchanzuegen, um die Ausruestung zum naechsten Siphon zu transportieren. Schnell ist das 6°-Celsius kalte Wasser "vergessen". Die Schinderei endet erst nach dem Anlegen der Tauchausruestung. Der Einstiegsbereich in den Siphon ist relativ komfortabel, so dass zumindest ein Taucher zur Vorbereitung eine Art sitzende Haltung einnehmen kann. Nur noch die Ventile aufdrehen und ...dann blaest Happos Automat wieder ab. Nach kurzer Fassungslosigkeit gehen wir in Gedanken alle denkbaren Szenarien durch, eine Reparatur ist hier ausgeschlossen. Wir entscheiden schliesslich, aufgrund unserer mitgeführten Backup-Systeme, den Tauchgang, mit erhoehter Aufmerksamkeit hinsichtlich der Leckage, durchzuführen. Der hintere Teil des Kessels unterscheidet sich in zwei Punkten wesentlich gegenueber dem Eingangsiphon: Potentielle Tauchtiefe und Sedimentablagerungen. Die gesamte Felsstruktur ist nahezu grossflaechig von Sediment bedeckt. Immer wieder schaue ich beim weiteren Vorstoss nach hinten, um Gewissheit über die Wassereintruebung zu erhalten. Leider befindet sich auch die Permanentleine in einem schlechten Zustand, da sie stellenweise ziemlich "schlapp" im Wasser haengt. Vermutlich hat sie sich an einigen Stellen durch Wasserbewegung aus ihren Fixpunkten gelöst. Wir erreichen den Vertikalschacht, die Sichtweite ist hier ausgezeichnet und der Abstieg beginnt. Die Höhle veraendert ihre Gestalt auf dramatische Weise. Der Schacht mutiert zu einer Halle, deren Durchmesser nach unten immer groesser wird. Die scheinbare "Geborgenheit" im vormalig engen Hoehlengang weicht einer Ausgesetztheit, die durch die jetzt dunkle Gesteinsfaerbung verstaerkt wird. Wir verlieren uns im Raum. Bei -53 m Tiefe ist der Grund der Kesselhoehle, im Scheinwerferlicht, ca. 10m unter uns, zu erahnen. Ein begrenzter Luftvorrat und die Vernunft lassen uns nach kurzer Verweildauer den Aufstieg einleiten. Das Glücksgefühl durch das eben "Erreichte" verfluechtigt sich auf ca. 20m Tiefe. Die Sicht nimmt rapide ab, mein Pulsschlag ebenso schnell zu. Unsere Ausatemluftblasen haben an der Hallendecke und in der vertikalen Schachtverlängerung zum "Alten Kessel" Ablagerungen geloest und einen Schwebeteilchensturm entfacht. Selbst bei vorsichtiger Fortbewegung ist das unvermeidbar. Einhergehend mit der schlappen Führungsleine ergibt das einen gefaehrlichen Mix. In einer "Siltout"-Situation (Nullsicht) waere es jetzt sehr schwierig, der schlappen Leine durch vorhandene Engstellen, zu folgen. Die Lage entspannt sich jedoch wieder bei Erreichen des "schuetzenden" Quergangs. Spaeter beschliessen wir, beim naechsten Tauchgang, als erste Massnahme, die Permanentleine neu zu fixieren und zu sichern. Nach ca. 3 h tauchen wir, mit entspannter Mine, wieder im Quellteich auf. Dem Kessel auf den Grund gegangen sind Happo und ich diesmal noch nicht ganz, aber wir kommen wieder ...bald!
Nachtrag vom 12.11 2005: Nach knapp 2-stuendigem Materialtransport durch den Eingangssiphon und die Kluftspalte tauchen wir im 2.ten Siphon ab. Happo muss den Tauchgang leider aufgrund technischer Probleme nach wenigen Minuten abbrechen. Wir einigen uns, dass ich den Abstieg alleine fortsetze. Im Quergang noch auf 6m Tiefe die O2-Stage deponiert, dann geht es zügig weiter. Nach nur 12 min. Tauchzeit ist der Boden des Kessels in -62m erreicht. Ein grossraeumiger Gang fuehrt von hier horizontal weiter in den Berg. Nach wenigen Metern kehre ich aber um und leite den Aufstieg ein. Nach insgesamt 4,5h Kesselbefahrung erreichen Happo und ich wieder den Eingang des Quelltopf, auch hier ist es mittlerweile dunkel geworden...
Zusatzbemerkung:
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