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2006 © Steffen Gross


Fotos: Steffen Gross

 

 

 


 

 




 

 



 

 




 

 




 




 




 




 

 


 



 





 


 




 

 



 

 


Cap de Creus (von Steffen Gross)
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Wiederentdeckung eines Tauchklassikers mit dem Campingmobil

Sie verzichten im Tauchurlaub gerne auf einen zuvorkommenden Animateur, der Ihnen lächelnd in Ihr Tauchgerät verhilft und anschließend mit einem Schulterklopfen den Automat zwischen Ihre Zähne schiebt? Es reizt Sie, Tauchplatz sowie Tauchzeitpunkt nur von Ihrer Laune und dem Wetter abhängig zu machen? Dann sind Sie wahrscheinlich ein Fall für die kleinen Fluchten abseits des Mainstream-Tauchtourismus. Costa Brava, man zuckt unwillkürlich zusammen, Erinnerungen werden wach: 70.er-Jahre-Bettenburgen, Tossa de Mar, Viva Espania. Die Blütezeit scheint schon lange vorbei zu sein. Vielleicht blieben gerade deswegen einige wenige Landstriche von Umtrieben des Massentourismus weitgehend verschont. Die wilde, karge, Landschaft um das Cap de Creus beeindruckte schon den surrealistischen Maler Salvador Dali, der im nahen Port Lligat einen großen Teil seiner Schaffenszeit verbrachte. Wir besitzen zwar weder Pinsel noch Staffelei, dafür aber einen VW-Camper und komplette Tauchausrüstungen. Gute Voraussetzungen also, um sich näher mit der Halbinsel Cap de Creus über und besonders unter Wasser zu befassen.

Eine asphaltierte Strasse windet sich durch die bizarre Gesteinslandschaft, geformt von Wind und Erosion, bis zum eigentlichen Cap Creus. Der Blick in westlicher Richtung fokussiert sich automatisch auf die, je nach Jahreszeit mit Schnee bedeckten, Dreitausender der Houte Pyrenaes. Besonders auf den letzen Kilometern zum Leuchtturm ist das Tauchgebiet schon vom Fahrzeug aus zu überblicken und zwar beidseitig der Strasse. Die ausgesetzte Lage der Halbinsel macht’s möglich. Sie ragt markant aus der zerklüfteten, katalanischen Küstenlinie. Hier verschwinden die östlichsten Pyrenäenausläufer unter der Meeresoberfläche und setzen sich in dramatischen Steilwänden und Stufen fort, um dann auf 40 bis 50m Tiefe im ebenen Sandboden zu enden.

Dieses Gebiet bietet unter Wasser spektakuläre Tauchspots, mit einer Fauna, die sicher im westlichen Mittelmeer Ihresgleichen sucht. Rote Edelkorallen sind häufig schon in großen Kolonien ab 15m Tiefe an geschützten Überhängen und in Spalten zu finden. Die großen farbwechselnden Gorgonien siedeln zahlreich an stroemungsexponierten, seeseitigen Felsuntergründen. Muränen, Conger und Kraken sind ebenfalls bei nahezu allen Tauchgängen präsent. Langustenfreunde kommen nicht nur beim Restaurantbesuch auf ihre Kosten. Die Schalentiere leben allerdings bevorzugt in den tieferen Etagen der Felsenriffe, sind dafür aber selten zu verfehlen. Ihre Fühler ragen unübersehbar aus dem löchrigen Fels. Die wieder wachsende Population der Zackenbarsche gibt sich allerdings etwas zurückhaltender.
 

Wissenswertes für Individualtaucher

Um es vorweg zu nehmen: Ohne Schweiß kein Preis. Ein Tauchgang beginnt nicht erst unter Wasser und endet nicht mit dem Austauchen. Das Tauchequipment sollte gründlich auf Funktion und Vollständigkeit überprüft werden. Nichts ist ärgerlicher, als erst im Wasser einen defekten O-Ring zu entlarven. Der felsige Abstieg in voller Tauchausrüstung vom fahrbaren Untersatz ans Wasser und das Hinausschnorcheln an die Felsenkaps erfordern eine gewisse körperliche und mentale Fitness. Man kann auch bequemer unter Wasser dem Ziel entgegenzuschwimmen, die Zeit in den eigentlichen Tauchrevieren wird dadurch aber sehr begrenzt. Aufgrund der erreichbaren Tauchtiefen sind erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich Finimeter und Dekocomputer obligatorisch. Ausflüge dieser Art sollten nicht unbedingt mit einem 10l-Tauchgerät unternommen werden.

Unbedingt empfehlenswert für Geländeunkundige ist der routinierte Gebrauch eines Kompass. Der Felsuntergrund fällt nämlich an einigen Stellen in mehreren, wellenförmigen, Stufen auf sein endgültiges Niveau ab. Ein irritierender Umstand für einen ortsfremden Taucher auf dem „Nachhauseweg“, wenn das aufsteigende Felsenriff nach „Gipfelüberquerung“ abrupt wieder abfällt und ein neuerlicher Anstieg noch außer Sichtweite ist.

Ach ja, das Wetter. Besonders im Frühjahr und Herbst sollte man schon einige Standfestigkeit mitbringen, wenn der regelmaessig einsetzende Fallwind aus den Pyrenäen, die Tramontana, an allem zerrt, was nicht niet- und nagelfest ist. So erlebten wir schon einige seekranke Nächte in unserem Camper, aber bisher ist uns der Himmel nicht auf den Kopf gefallen. Einschränkungen fürs Tauchen gibt es bei Starkwind schon, aber irgendwo findet sich fast immer eine Leeseite zum Eintauchen oder (wenn's mal ganz dick kommt)  eine Kneipe zum Einkehren.

 

Alternativen

Wer es bequemer mag, ist sicherlich mit einer der ortsansässigen Tauchschulen besser bedient. Besonders empfehlen möchte ich den Besuch der, direkt am Wasser gelegenen,  Tauchbasis Cadaques. Besitzer und Tauchlehrer Paul Bräutigam, seit mehreren Jahrzehnten hier “vor Anker“, kennt wirklich alles und jeden. Wer ihm die Zunge löst, kann ihm schon den einen oder anderen „Geheimtipp“ entlocken. Regelmaessig werden die Top-Tauchplätze I. de la Massa d’Or und  I. Messina angefahren. Begegnungen mit Barrakudaschwärmen und Zackenbarschen sind hier fast garantiert. Die Basis selbst hat über viele Jahre ihren familiären und gemütlichen Charme beibehalten. Anonyme Massenabfertigung der Tauchgäste, wie auf manch anderen Basen üblich, findet hier nicht statt, die Stammkundschaft weiß das sehr zu schätzen. Selbstverständlich führt die Basis auch Tauchausbildung (u.a. nach CMAS) durch.
 

Tauchplatzbeschreibungen

Jeder Individualtaucher sollte schon ein wenig Recherche betreiben, um „seinen" Tauchplatz zu finden. Die vor Ort erhältliche kombinierte Land-/See-Karte des Cap de Creus-Gebietes, mit Tiefenangaben und eingezeichneten (Fahr)wegen bietet, eine erste, ausreichende, Orientierungshilfe.

Alle folgend angeführten Tauchplätze befinden sich innerhalb des Naturparks Cap de Creus parc natural, aufgeteilt in unterschiedlichen Schutzzonen. Harpunieren und Schleppnetzfischerei sind verboten. Tauchen mit Pressluftgerät  ist derzeit überall erlaubt mit Ausnahme der nordseitigen Gewässer der I. s‘ Encalladora (Vollnaturschutzgebiet).

Cala Culip   

Zwei markanten Felseninseln durchbrechen am seeseitigen Eingang der C. Culip die Wasseroberfläche. Die Tauchbasen aus Cadaques fahren sehr selten hierher, da die Boote  zuvor das Cap Creus umfahren müssen, eine zeitraubende Angelegenheit.  Wir sind also meistens alleine und tauchen vor den Felsen in nordöstlicher Richtung (seeseitig) ab. Eine überhängende Steilwand reicht von ca. 20m bis auf ca. 50m. Martina und ich gleiten im zügigen Formationsflug hinab. Es empfiehlt sich, eine Teilumrundung der Felsen gegen den Uhrzeigersinn vorzunehmen. Die exponierte Seelage ist unter Wasser förmlich zu erleben: dichte Kolonien farbwandelnder Gorgonien überziehen die Felsen, große Fischschwärme kreuzen im Freiwasser und Langusten siedeln im Felssockelbereich. Der von uns so genannte Langustenmeetingpoint ist allerdings verwaist. Eine kaminartige Höhle beherbergte bis vor kurzem Dutzende der gepanzerten Antennenträger. Waren hier vielleicht Frevler am Werk? Auch heute noch finden sich freigelegte Amphorenreste früherer Ausgrabungen. Die fast unvermeidlichen Dekompressionszeiten verbringen wir auf dem Rückweg in die Bucht. Hier residiert seit vielen Jahren ein kapitaler Conger in einer Querspalte knapp unter der Oberfläche. Erstaunlich, dass er bisher den Anglern und UW-Häschern entgangen ist. Ich wünsche ihm weiterhin alles Gute.

Cala Fredossa

Ein langer steiler Fußweg führt hinab zur malerischen Fredossa.  Die Bucht ist ein beliebter Badeplatz. Unser Ziel jedoch sind die Felsenvorsprünge auf der gegenüberliegenden Seite, die nur schwimmend zu erreichen sind. Kurz vor dem Abtauchen sehe ich aus den Augenwinkeln eine schemenhafte Silhouette wenige Meter unterhalb der Oberfläche. Ein Mola-Mola, auch Mondfisch genannt, zieht in geringem Abstand langsam vorbei. Ein schneller Griff zur Kamera…doch die  liegt natürlich im Bulli. Haben wir eigentlich das Seitenfenster geschlossen? Diese Frage begleitet mich nun die nächsten eineinhalb Stunden. Der Boden fällt in mehreren zerklüfteten Stufen bis auf ca. 50m ab. Die farbwechselnde Gorgonie siedelt hier spärlich in kleineren Kolonien, Langusten sind jedoch im Untergeschoss zahlreich anzutreffen. Es gibt fischreichere Reviere in der Nachbarschaft, dennoch drehe ich mich häufiger als sonst um und starre ins blaue Freiwasser auf der Suche nach einer Begegnung der besonderen Art.

Cala Jugadora

Das Kap der äußersten, linksseitigen, Buchteinfassung fällt in zwei wellenförmigen Stufen auf über 40m ab. Ein Highlight ist der enorme Fischreichtum direkt unter der Wasseroberfläche, darunter viele Freiwasserfische. Gelegentlich treffen wir auch auf Zitterrochen und vermeiden es, ihnen zu dicht auf den Leib zu rücken. Bewegt man sich auf einer konstanten Tiefe von ca. 30m in nordöstlicher Richtung (das Riff immer linksseitig) gelangt man nach wenigen Minuten auf einen schräg abfallenden Felsrücken, dichtbesetzt  mit großen Gorgonien. Ich habe das Plateau erst nach vielen Tauchgängen entdeckt. Nicht etwa, weil es so schwer zu finden wäre, vielmehr verleiten bewährte Tauchgründe dazu, nicht von den bekannten Routen abzuweichen. Nach Überquerung des Rückens teilt sich das Felsenriff in einen gewaltigen, steilwandigen Canyon, der sich seeseitig immer weiter öffnet und auf über 50m Tiefe abfällt. Die Wände sind von unzähligen Spalten und Löchern durchzogen. Langusten, Gabeldorsche und kapitale Drachenköpfe leben hier, wie in einem riesigen Plattenbau, in enger Nachbarschaft.

Steilwand

Man durchquert die C. Jugadora schwimmend in südöstlicher Richtung und taucht direkt unterhalb eines, in die Felswand gemalten, katalanischen Wappens ab. So verlockend der Name auch ist, umso enttäuschter werden Steilwandfreaks sein. Die Wand setzt sich unter Wasser noch etwas fort, um dann schräg auf ca. 45m abzufallen. Auf den ersten Blick wirkt die Szenerie etwas farb- und kontrastlos. Gorgonien und Freiwasserfische meiden diese strömungslose Ecke. Eingeweihte wissen den Ort dennoch sehr zu schätzen, insbesondere,  wenn man eine starke Spot-Lampe mit sich führt. Wir tauchen über eine riesige Geröllhalde  zurück in Richtung Jugadora. Die Felstrümmer bilden zahllose kleine Höhlen, u.a. die Heimat kapitaler Conger und Langusten. Auch ein Hummer ist hier zu Hause. Obwohl die Steilwand keine taucherischen Schwierigkeiten aufweist, rinnt beim Spaltengucken in den tieferen Etagen die Nullzeit erbarmungslos dahin.

Hausbucht

Hausbuchten haftet meistens ein negativer Beigeschmack an. Frisch Angereiste nutzen diese gerne zum Checkdive, Beginner zur Ausbildung und die Abreisewilligen zum Abblasen der Restluft. Anders die Hausbucht, direkt vor der Tauchbasis Cadaques gelegen. Sie ist weit mehr als nur ein bequemes, in wenigen Schritten erreichbares Übungsgewässer. Die stark zerklüftete Felsenlandschaft ist ein Tummelplatz für zahlreiche Muränen. In südöstlicher Richtung fällt das Gelände in mäßigem Gefälle bis auf ca. 35m ab. Hier unten sind im Spätsommer regelmässig kapitale Zackenbarsche mit ihrem Nachwuchs anzutreffen. Vorsichtig robben  wir in Ihrem Revier über den Sandboden, vermeiden dabei weitgehend jeden Flossenschlag, denn die Fluchtdistanz der Tiere wird dadurch gegenüber freischwebenden Tauchern stark vermindert. Die zwei großen Zackis sabotieren regelmäßig alle Fotoversuche. Hebe ich die Kamera, zeigen sie mir ihre Schwanzflossen oder verschwinden kurzzeitig im Rifflabyrinth. Haben Fische einen Sinn für Humor? Einmal ziehe ich mich demonstrativ etwas zurück um meine Nichtbeachtung zu betonen, da sehe ich eine Bewegung hinter einem kleinen Felsenriff. Ein Adlerrochen jagt im Sandboden nach Kleintieren. Er bemerkt schließlich die lauernde Blasengestalt und fliegt langsam davon. Anderntags, am Ende eines langen Tauchtages, vernehmen wir beim frühabendlichen Flaschenfüllen Tumult aus dem nahen Wasser. Ich höre noch das Wort "Hai" und bin mit Rekordtempo im Wasser. Tatsächlich…ein großer Katzenhai ruht zusammengerollt in einer Höhle. Offensichtlich durch uns gestört, schiesst er plötzlich aus seinem Versteck und verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Überflüssig zu erwähnen, dass die UW-Kamera mal wieder…na Sie wissen schon. Die Lage der Hausbucht macht sie auch zu einem erstklassigen Nachttauchspot, denn erst jetzt entfalten die Roten Edelkorallen ihre volle Polypenblüte und die tagsüber dösenden Muränen stellen, freischwimmend, ihrer Beute nach.

Punta Oliguera

Die Bucht, ebenfalls in unmittelbarer Nähe der Tauchbasis Cadaques gelegen, wird gern auch für Eingewöhnungs- und Ausbildungstauchgänge beansprucht. Nicht ganz ohne Grund, denn man kann den Platz bequem, zu Fuß von der Tauchbasis Cadaques, erreichen oder sich fast direkt aus dem Auto ins Wasser fallen lassen. In der Mitte der Bucht liegt das Wrackgerippe der „Lanishen“ ab einer Tiefe von 11m. Die Decksaufbauten sind komplett zerfallen, lediglich die Längs- und Querspanten halten den Rumpf noch erkennbar in Form. In weitem Umkreis liegen schwer zu identifizierende Metalleile über den Grund verstreut. Das Schiff wurde angeblich zu Kriegszeiten Opfer eines Torpedoangriffs und ist nicht zu verfehlen. Die Qualität des Tauchplatzes entspricht zwar nicht den weiter oben angeführten Lokalitäten, dennoch lohnt sich ein Besuch, insbesondere bei Nacht.

Infos für Camper

Nächtliches Parken“ wird in der Nebensaison (noch) weitgehend geduldet, solange das Womo außerhalb von Zonen öffentlichen Interesses abgestellt wird. Es dürfte auch selbstverständlich sein, mit seinem Fahrzeug innerhalb des Schutzgebiets Cap de Creus parc natural keine neuen Verkehrwege oder Parkplätze „anzulegen“. Wohnmobilisten sind generell gut beraten, sich nicht zu „immobil“ an einem Platz einzurichten, sondern stets abfahrbereit zu parken. Der offizielle Campingplatz in Port Lligat ist im Zweifelsfalle die sichere Adresse.

Für Nicht(nur)taucher

Die Region bietet anspruchsvolle Mountainbiketrails in allen Schwierigkeitsgraden, meist mit Meeresblick. Selbstverständlich sind die Pfade auch zu Fuß begehbar. Lediglich Sandstrandliebhaber finden diesen erst weiter südlich, in der großen Bucht von Rosas. Beachen lässt sich's dennoch, versteckte Buchten mit kleinen Kieselstränden entschädigen für fehlenden Sand. Das kulturelle Gewissen lässt sich mit dem allgegenwärtigen Salvador Dali zufrieden stellen und die Abende verbringt man im urgemütlichen Cadaques. Sicher, auch hier hinterlässt der Tourismus seine Spuren. Aber wer zwingt uns eigentlich dazu, im Hochsommer an die Costa Brava zu fahren?